Was ist die „Revenge Bedtime Procrastination“?

„Revenge Bedtime Procrastination“ beschreibt die Entscheidung, den Schlaf für die Freizeit zu opfern, die durch einen Tagesplan mit wenig freier Zeit bestimmt ist.

Für Menschen in stressigen Berufen, die den größten Teil des Tages in Anspruch nehmen, ist die „Revenge Bedtime Procrastination“ eine Möglichkeit, ein paar Stunden Unterhaltung zu finden, auch wenn dies zu einem Mangel an Schlaf führt.

Auch wenn die „Revenge Bedtime Procrastination“ im ersten Moment verlockend sein kann, können späte Nächte gefolgt von frühen Morgenstunden direkt zu ernsthaftem Schlafentzug führen. Schlafentzug kann erhebliche negative Auswirkungen auf die geistige, körperliche und emotionale Gesundheit haben, sowohl mit kurz- als auch mit langfristigen Folgen.

Ein besseres Verständnis von „Bedtime Procrastination“, einschließlich der Symptome, Ursachen und Folgen, kann Dir helfen, zu erkennen, wann Du diese Verhaltensweise an den Tag legst. So kannst Du Maßnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass „Procrastination“ zu unzureichendem Schlaf führt.

Junge Frau mit Smartphone im Bett

Welche Verhaltensweisen sind mit Bedtime Procrastination zu assoziieren?

Drei Faktoren sind erforderlich, damit eine verspätete Schlafenszeit als Bedtime Procrastination bezeichnet werden kann:

  • Eine Aufschiebung des Einschlafens, die die Gesamtschlafzeit reduziert
  • Das Fehlen eines triftigen Grundes für das längere Aufbleiben als beabsichtigt, z. B. ein äußeres Ereignis oder eine zugrunde liegende Krankheit
  • Das Wissen, dass das Aufschieben der Schlafenszeit zu negativen Konsequenzen führen könnte

Bedtime Procrastination spiegelt das Verhalten von Procrastination in anderen Kontexten wider, wie z.B. das Vermeiden von Hausaufgaben oder Haushaltspflichten. Das Aufschieben von Schlaf erzeugt jedoch normalerweise keine negativen Assoziationen wie diese anderen Verpflichtungen. Stattdessen wird der Schlaf zugunsten von Aktivitäten eingeschränkt, die mehr Spaß machen, wie z. B. fernsehen, Zeit mit Freunden verbringen oder Videospiele spielen.

Procrastination kann verschiedene Formen annehmen. Eine Form ist das Aufschieben des Zubettgehens (Bedtime Procrastination). Eine andere Form ist das Hinauszögern des Einschlafens, ein Problem, das mit der zunehmenden Nutzung elektronischer Geräte im Bett in Verbindung gebracht wird.

Eine Person kann eine oder beide Formen der „Sleep Procrastination“ aufweisen, von denen alle zu einer Verringerung des nächtlichen Schlafs führen können.

Was hat „Revenge“ damit zu tun?

„Revenge Bedtime Procrastination“ bezieht sich auf die Entscheidung, den Schlaf als Reaktion auf Stress oder einen Mangel an freier Zeit während des Tages aufzuschieben.

Die Hinzufügung des Wortes „Revenge“ zum Konzept der Bedtime Procrastination wurde in den sozialen Medien populär. Der englische Begriff „revenge bedtime procrastination“ entstand aus der Übersetzung eines Ausdrucks aus dem Chinesischen, der die Frustration über lange, stressige Arbeitszeiten widerspiegelt, die einem wenig Zeit für das eigene Freizeitvergnügen lassen.

Auf diese Weise wird Bedtime Procrastination als ein Weg gesehen, sich für die Stunden am Tag mit wenig oder gar keiner Freizeit zu „Revenge“ (rächen). Obwohl die Idee ursprünglich von Menschen in China stammt, hat sie auf der ganzen Welt Anklang gefunden und als Reaktion auf den durch COVID-19 ausgelösten Stress zusätzlich an Bedeutung gewonnen.

Was ist die Psychologie hinter der Bedtime Procrastination?

Sleep Procrastination ist noch ein neues Konzept in der Schlafforschung. Daher gibt es anhaltende Debatten über die Psychologie hinter dieser freiwilligen Schlafreduzierung.

Menschen, die Bedtime Procrastination betreiben, sind sich bewusst, dass sie genügend Schlaf bekommen wollen, aber sie versäumen es, dies tatsächlich zu tun. Dies wird als Absichts-Verhaltens-Lücke bezeichnet.

Eine Erklärung für diese Lücke ist ein Versagen in der Selbstregulation oder Selbstkontrolle. Unsere Fähigkeit zur Selbstkontrolle ist am Ende des Tages bereits am niedrigsten, was die Sleep Procrastination begünstigen kann. Manche Menschen neigen möglicherweise von Natur aus zur Procrastination im Allgemeinen, auch um die Schlafenszeit herum. Darüber hinaus können die Anforderungen des Tages bei der Arbeit oder in der Schule die Reserven der Selbstkontrolle am Abend verringern.

Nicht jeder ist mit dieser Erklärung einverstanden. Einige argumentieren, dass dadurch die Selbstkontrolle zu sehr in den Vordergrund gestellt wird. Stattdessen kann Sleep Procrastination das Ergebnis von Menschen sein, die einen abendlichen Chronotyp haben – „Nachteulen“ – und gezwungen sind, sich an Zeitpläne anzupassen, die für „Frühaufsteher“ konzipiert sind. Als Revenge Bedtime Procrastination kann das Opfern von Schlaf für Freizeit auch nicht als Versagen der Selbstkontrolle gesehen werden, sondern eher als Versuch, als Reaktion auf Stress Erholungszeit zu finden.

Es bedarf weiterer Forschung, um Sleep Procrastination besser zu verstehen, welche das Ergebnis mehrerer interagierender Faktoren sein könnte, einschließlich Chronotyp, Stress am Tag und Schwierigkeiten bei der Selbstkontrolle.

Aufschub vor dem Schlafengehen

Wer ist am meisten von Bedtime Procrastination betroffen?

Da die Forschung zur Sleep Procrastination noch in den Kinderschuhen steckt, sind sich Experten nicht sicher, wer am meisten davon betroffen ist.

In einer Studie wurde jedoch festgestellt, dass Studenten und Frauen am ehesten zur Bedtime Procrastinationn neigen. Menschen mit einem abendlichen Chronotyp neigen dazu, später aufzubleiben, was sich als Bedtime Procrastination manifestieren kann. Sleep Procrastination scheint auch häufiger bei Menschen aufzutreten, die in anderen Bereichen ihres Lebens zu viel aufschieben.

Revenge Sleep Procrastination scheint mit erheblichem Tagesstress verbunden zu sein. Für viele Menschen kann Sleep Procrastination eine Reaktion auf verlängerte Arbeitszeiten sein, die, wenn sie mit einer vollen Nachtruhe kombiniert werden, praktisch keine Zeit für Freizeitaktivitäten oder Entspannung lassen.

Revenge Bedtime Procrastination kann auch aufgrund von COVID-19 und dem Stress, der mit dem Aufenthalt zu Hause verbunden ist, auf dem Vormarsch sein. Umfragen haben ergeben, dass die Arbeit von zu Hause aus oft zu einer Verlängerung der Arbeitszeiten geführt hat, und insbesondere Frauen haben seit Beginn der Pandemie weniger Freizeit als gewöhnlich. Diese Faktoren können Stress und Sleep Procrastination auslösen und tragen dazu bei, dass fast 40 % der Menschen während der Pandemie Schlafprobleme erlebten.

Welche Folgen hat Bedtime Procrastination?

Bedtime Procrastination kann zu Schlafmangel führen. Ohne ausreichende Schlafstunden können sich Geist und Körper nicht richtig erholen, was weitreichende negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann.

Unzureichender Schlaf verschlechtert das Denken, das Gedächtnis und die Entscheidungsfindung. Schlafmangel erhöht auch das Risiko von Tagesmüdigkeit, was die Produktivität und akademische Leistung beeinträchtigen kann und das Risiko von Übermüdung am Steuer erhöht.

Schlafmangel wird mit Reizbarkeit und anderen Schwierigkeiten bei der Emotionsregulierung in Verbindung gebracht. Er wird auch mit psychischen Störungen wie Depressionen und Angstzuständen in Verbindung gebracht.

Schlafmangel verschlechtert die körperliche Gesundheit und macht die Menschen anfälliger für Herz-Kreislauf-Probleme und Stoffwechselstörungen wie Diabetes. Darüber hinaus, und das ist angesichts von COVID-19 besonders besorgniserregend, kann unzureichender Schlaf die Immunfunktion beeinträchtigen und die Wirksamkeit von Impfstoffen verringern.

Die Folgen von Schlafmangel können schon nach kurzer Zeit auftreten. Die Konsequenzen von Schlafmangel können sich auch im Laufe der Zeit aufbauen und zu erheblichen langfristigen Gesundheitsproblemen beitragen.

Bei Sleep Procrastination können die Auswirkungen des Schlafmangels sogar noch besorgniserregender werden. Schlafentzug wurde mit einer verminderten Selbstregulierung und Impulskontrolle in Verbindung gebracht, was bedeutet, dass Sleep Procrastination Teil eines sich verstärkenden negativen Kreislaufs aus reduziertem Schlaf und schlechterer allgemeiner Gesundheit werden kann.

Wie kann man Sleep Procrastination vorbeugen?

Das beste Mittel gegen Sleep Procrastination ist eine gesunde Schlafhygiene, die die Schaffung guter Schlafgewohnheiten und einer schlaffördernden Umgebung beinhaltet.

Eine feste Routine kann dazu führen, dass sich Verhaltensweisen fast automatisch einstellen. Aus diesem Grund kann eine nächtliche Routine den Impuls verringern, später aufzubleiben, anstatt ins Bett zu gehen. Beispiele für positive Schlafgewohnheiten sind:

  • Beibehaltung einer konstanten Schlaf- und Aufwachzeit, auch an arbeitsfreien Tagen
  • Vermeiden von Alkohol oder Koffein am späten Nachmittag oder Abend
  • Verzicht auf die Nutzung elektronischer Geräte, einschließlich Handys und Tablets, für mindestens eine halbe Stunde, idealerweise länger, vor dem Schlafengehen
  • Entwicklung einer beständigen Routine, die Du jeden Abend anwendest, um dich auf das Schlafengehen vorzubereiten

Entspannungsmethoden, wie z. B. das Lesen eines Buches, Meditation oder sanftes Dehnen, können Teil Deiner Routine vor dem Schlafengehen sein und Dir dabei helfen, leichter einzuschlafen. Entspannungsmethoden können auch den Stress verringern.

Ein einladendes Schlafzimmer, das dunkel und ruhig ist und über eine bequeme Matratze und Bettzeug verfügt, kann das Einschlafen ebenfalls angenehmer machen. Ein angenehmer Schlafraum kann dem Wunsch entgegenwirken, den Schlaf für Freizeitaktivitäten zu opfern.

Wenn Du feststellst, dass Deine Schlafprobleme andauern oder erhebliche Tagesmüdigkeit verursachen, spreche mit einem Arzt, der Deine Schlafgewohnheiten überprüft, um zu bestimmen, ob Du von einer Schlafstörung betroffen bist, und einen entsprechenden Plan erstellen wird, der zu einer besseren Erholung verhilft.

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Matthias Böhm

Matthias setzt sich leidenschaftlich dafür ein, Menschen mit Informationen zu versorgen, die sie nutzen können, um sinnvolle Entscheidungen über ihre Gesundheit zu treffen. Als wissenschaftlicher Autor hat er mehr als ein Jahrzehnt damit verbracht, Patient*innen, Betreur*innen und Fachleute mit qualitativ hochwertigen, faktenbasierten Informationen zu versorgen und diese zu verfassen. Wenn er nicht gerade schreibt, kocht Matthias gerne vegetarisch, wandert und schläft gerne aus.

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